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Wie verbessert man die Welt?

Wie verbessert man die Welt?

http://www.eyes-open.org/

Bei all den Fake-News und Negativ-Schlagzeilen vergisst man vielleicht manchmal, dass es tatsächlich möglich ist diese Welt zu verbessern. Wie das genau funktionieren kann, erklärt Claudia Komminoth von der Stiftung Eyes Open in folgendem Interview:

Claudia Komminoth als Gründerin von www.eyes-open.org hast du schon einige Ziele erreicht. Was ist bisher in Kambodscha geschehen?

Wir sind seit vier Jahren operativ in Kambodscha tätig. Dank unseren täglichen Frühstücken für über 700 Kinder besuchen diese Kinder die Schule. Wir sind in Gebieten tätig, wo es zu Hause zu wenig Nahrung gibt. Da das erste Grundbedürfnis immer Essen ist, wären diese Kinder ohne die Mahlzeiten in der Schule auf Nahrungssuche. Als ich vor vier Jahren das erste Mal auf dem Schulhof stand, war keine Interaktion mit den Kindern möglich, zu energielos, zu müde waren sie. Durch die regelmässigen Mahlzeiten änderte sich dies schon bald und heute sind sie am Fussball oder Volleyball spielen, rennen herum, haben Energie am Unterricht teilzunehmen und sind deutlich gesünder.

 

Im Weiteren haben nun rund 1’000 Jugendliche ein Fahrrad für den deutlich weiteren Schulweg in die Oberstufe erhalten. Das Schulsystem ist in Kambodscha ähnlich wie in der Schweiz: Die ersten sechs Schuljahre finden meist im Heimatdorf statt, die Oberstufe ist einige Kilometer entfernt. Die Distanzen von über 10km lassen sich zu Fuss nicht mehr meistern, aus diesem Grund erhalten die Jugendlichen bei Eintritt in die Oberstufe ein Fahrrad.

Ausserdem finanzieren wir für die 130 Schülerinnen und Schüler in Koh Ker die medizinische und zahnärztliche Versorgung. Sie lernen die allgemeinen Hygieneregeln, wie sie sich waschen und Zähne putzen können. Im Weiteren versorgt eine Schulkrankenschwester allfällige Wunden. Zudem finanzieren wir die Transportkosten für eine eventuelle Spitaleinweisung. Zusätzlich zu den ausgewogenen und nahrhaften Mahlzeiten ist dies eine wichtige Massnahme, damit die Schülerinnen und Schüler gesund sind und sich auf ihre Bildung konzentrieren können.

 

Welches sind die grössten Herausforderungen mit denen du bis jetzt zu tun hattest?

Die allergrösste Herausforderung war es, eine verlässliche und vertrauenswürdige Partnerorganisation in Kambodscha zu finden. Wir verbrachten im November/Dezember 2012 einen Monat in Siem Reap und haben weit über ein Dutzend Projekte besucht – doch keine von diesen erschien uns vertrauenswürdig genug. Durch einen Zufall sind wir auf die Ponheary Ly Foundation gestossen, welche so ziemlich alles anders macht, als die Organisationen die wir besucht haben. Sie arbeitet ausschliesslich mit staatlichen Schulen zusammen, alle Kinder des jeweiligen Dorfes können die Schule besuchen und es findet keine “Auswahl” wie in vielen Projekten statt. Der Schutz der Kinder wird sehr stark wahrgenommen und Touristenbesuche dürfen nur nach vorgängiger Absprache und Prüfung stattfinden. Ausserdem hat eine kambodschanische Familie die Ponheary Ly Foundation gegründet, die nach dem Krieg sehr arm war und erlebt hat, dass Bildung der einzige Weg aus der Armut ist. Inzwischen unterstützt die Ponheary Ly Foundation 2’800 Kinder von der 1. Klasse bis und mit abgeschlossener Ausbildung. Diese Ganzheitlichkeit hat uns sehr überzeugt und wir finanzieren inzwischen das gesamte Mahlzeiten und Fahrrad Programm sowie die medizinische und zahnärztliche Versorgung der Schülerinnen und Schüler in Koh Ker.

Die grösste Herausforderung in den letzten Monaten war die Dürre im 2016, welches die grösste seit Jahrzehnten war. Die Ursache war das Wetterphänomen El Niño, das alle paar Jahre auftaucht. 2016 war in Kambodscha das heisseste Jahr, seit die Temperaturen aufgezeichnet werden. In diesem Jahr hatte die Regenzeit, welche normalerweise von Mai bis Oktober dauert, deutlich später eingesetzt und die Reisernte verzögerte sich daher um zwei Monate.

Neben dem ausbleibenden Regen gab es eine grosse Plage von riesigen Raupen (“army caterpillars”). Sie frassen Bohnen, Sojabohnen und Maniok. Die Ernten in Koh Ker wurden innerhalb 24 Stunden komplett vernichtet. Da bereits im Vorjahr die Regenzeit knapp ausfiel und durch diese Raupen weitere Nahrungsmittel vernichtet worden sind, gingen den meisten Familien unserer Schülerinnen und Schüler die Nahrungsmittelvorräte aus. Mehr und mehr Kinder wurden bei ihren Grosseltern zurückgelassen und die Eltern gingen vorwiegend nach Thailand um Arbeit zu suchen.

Dies hatte zur Folge, dass die Kinder nicht mehr zur Schule geschickt wurden. Sie sollten zu ihren jüngeren Geschwistern und dem Vieh schauen, während die Eltern abwesend sind. Andere Kinder mussten Essen und Wasser suchen. Es war unklar, ob diese Kinder nach der Dürre wieder die Schule besuchen dürfen.

Auch das Wasser wurde knapp und es wurde von dreckigem und teilweise verseuchtem Wasser berichtet, welches aus Wassergruben für Tiere geholt wurde um damit zu kochen und sich zu waschen. Dieses Wasser ist mit Kolibakterien und Salmonellen verunreinigt und verursacht Durchfall, Erbrechen und andere Krankheiten.

Als Sofortmassnahme haben wir in Zusammenarbeit mit unserer Partnerorganisation, der Ponheary Ly Foundation, versucht möglichst viele Probleme in den Dörfern Koh Ker und Knar zu entschärfen: Ausreichend Trinkwasser in den Schulen, welches die Kinder auch nach Hause nehmen konnten sowie Ausweitung von “Essen für zu Hause” um die Eltern zu motivieren ihre Kinder weiterhin zur Schule zu schicken. Zusätzlich haben wir als direkte Nothilfe bei sieben Familien, deren Nahrungsmittelvorräte ausgegangen sind, mit Lebensmittelabgaben begonnen. Diese Massnahmen haben dazu geführt, dass die Situation bei den Familien zu Hause deutlich entschärft wurde und dass alle Kinder wieder die Schule besucht haben.

Diese temporäre Erweiterung des Mahlzeiten Programms kostete USD 10’000. Wir haben in einem Newsletter über die Situation berichtet und sind unseren Spenderinnen und Spendern sehr dankbar, die die benötigten Mittel innert kurzer Zeit zur Verfügung gestellt haben.

 

Wie fühlt es sich an, wenn du von einem Land in dem auch arme Menschen lächeln zurück in eine Schweiz kommst in der reiche Leute eher selten lächeln?

“Ich versuche das kambodschanische Lächeln in meinen Alltag in der Schweiz mitzunehmen. Sich nicht über kleine Dinge aufregen, wie wenn der Zug Verspätung hat. Lösungsorientiert zu arbeiten als auf Probleme zu fokussieren. Die Mentalität der Menschen in der Schweiz kann ich nicht verändern, kann aber für mich das Beste aus dem machen, was ich von den Kambodschanerinnen und Kambodschanern lerne.”

Wie gehst du mit diesen krassen kulturellen Unterschieden um?

Aus meiner Sicht darf man Kambodscha und die Schweiz (bzw. Entwicklungsländer und die Schweiz) generell nicht direkt vergleichen, die Welten sind zu verschieden. Die Arbeit in Kambodscha hat mir deutlich vor Augen geführt, wie unendlich glücklich ich mich schätzen darf, in der Schweiz geboren worden zu sein. Ich bin sehr dankbar dafür und staune immer wieder über die für uns normalen Dinge, die in so vielen Teilen der Welt einfach nicht selbstverständlich sind. Trinkwasser aus dem Wasserhahn ist ein grosses Geschenk.

 

Was ist Deine Meinung zu der alljährlichen, omnipräsenten Sammelaktion von “Jeder Rappen zählt” auf SRF?

Diese Aktion sorgt sicherlich dafür, die Bevölkerung für gewisse Themen zu sensibilisieren, die vielleicht nicht allgemein bekannt sind (mangelnde Trinkwasserversorgung, Malaria, Jugendliche alleine auf der Flucht, etc.) und dass die Menschen bereit sind, weniger privilegierte Menschen zu unterstützen. Den Spenderinnen und Spendern ist aber wohl zu wenig bekannt, dass ihre Spenden an die ganz grossen Organisationen fliessen, deren administrative Kosten bis zu 50% betragen. Ich bedauere manchmal ein bisschen, wenn ich am Radio die Geschichten hören, wo beispielsweise Kinder ihr Taschengeld von mehreren Monaten gespart haben um in die Sammelbox zu werfen und dieses bei weitem nicht direkt den Bedürftigen zufliesst.

Was hältst du von dieser Art der Spendenmittel-Beschaffung?

Es ist eine ganz andere Art der Spendenmittel-Beschaffung als wir vorgehen. Wir erzählen von unseren Projekten, zeigen fröhliche Bilder und wer dies unterstützen will, tut dies. Wir wollen niemanden “bekehren”, mit dem schlechten Gewissen spielen oder mitleidserregende Bilder zeigen. Es ist gut für uns spürbar, dass dies der richtige Weg ist. Ich denke, dass viele Menschen in der Schweiz spenden wollen, aber dies für Projekte, wo das Geld effektiv ankommt und man die Erfolge durch diese Spenden direkt sehen kann.

Eyes-Open hat natürlich nicht diese Mittel um an Spender zu kommen. Was macht ihr für Aktionen?

Wir versenden monatlich einen Newsletter, in welchem wir über die aktuelle Arbeit in Kambodscha berichten. Im Weiteren führen wir zweimal jährlich einen sportlichen Benefiz Workshop durch und einmal im Jahr einen anderen Workshop (zB kreatives Schreiben, im 2017 erstmals ein kambodschanischer Kochworkshop). Es freut uns sehr, dass wir sehr treue Spenderinnen und Spender haben, die uns seit Jahren unterstützen und dass sich deren Kreis stetig erweitert. Publikationen sorgen dafür, dass wir neue Spenderinnen und Spender erreichen können.

Die Stiftung ZEWO (Schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige Spenden sammelnde Organisationen) setzt sich dafür ein, dass Spendengelder zweckbestimmt, wirksam und wirtschaftlich eingesetzt werden. Nur Hilfswerke, die sich von der ZEWO prüfen lassen und die strengen Anforderungen erfüllen, erhalten das Zewo-Gütesiegel. Wieso ist Eyes-Open nicht ZEWO zertifiziert?

Es sind verschiedene Punkte, die bisher gegen eine ZEWO Zertifizierung sprachen. Wir sind drei Personen im Stiftungsrat, arbeiten alle ehrenamtlich und finanzieren auch die Auslagen um die Projekte zu besuchen selber. Dadurch konnten wir gewährleisten, dass wir seit der Gründung im Jahr 2012 administrative Kosten von durchschnittlich nur 2% ausweisen konnten. Dies ist ein grosses Argument um Mittel zu beschaffen. Eine ZEWO Zertifizierung kostet tausende von Franken und würde unsere administrativen Kosten massiv in die Höhe treiben. Eine erneute Prüfung für eine allfällige Zertifizierung würde Sinn machen, wenn wir ein grösseres Wachstum anstreben.

Wichtig zu wissen ist aber, dass wir der eidg. Stiftungsaufsicht unterstellt sind, welche jährlich unsere Jahresrechnung und unseren Tätigkeitsbericht prüft. Ausserdem haben wir eine Revisionsstelle, die Mitglied ist von EXPERTsuisse ist, welche unsere Jahresrechnung prüft. Zudem können Spenderinnen und Spender die Projekte in Kambodscha besuchen und sich vor Ort überzeugen, dass ihre Hilfe genau dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Natürlich geht es darum Spendengelder effizient einzusetzen. Wie viel Prozent der Spenden für Eyes-Open fliessen direkt in Projekte in Kambodscha?

Seit unserer Gründung im Jahr 2012 betragen die administrativen Kosten durchschnittlich 2%, das bedeutet 98% der Spenden fliessen direkt in unsere Projekte in Kambodscha.

Welches sind die nächsten Projekte, die ihr angehen werdet und wo siehst du dich und Eyes-Open in 10 Jahren?

Inzwischen beträgt das jährliche Budget rund USD 100’000. Wir möchten diese Unterstützung nachhaltig weiterführen. Das Mahlzeiten Programm ist der allererste Puzzlestein, damit eine Verbesserung der Lebenssituation der Kambodschanerinnen und Kambodschaner möglich ist. Damit ist das erste Grundbedürfnis abgedeckt und Bildung erst dadurch möglich, weil somit die Energie dafür da ist. Wir haben eine Grösse erreicht, die wir nach wie vor mit unserer ehrenamtlicher Tätigkeit abdecken können. Uns ist ein langsames, dafür nachhaltiges Wachstum wichtig, weil wir unsere Arbeit auch noch in 10 Jahren machen möchten.

 

Vielen Dank für das Interview. Mehr Infos unter http://www.eyes-open.org/

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